Im Kampf gegen sich selbst

Was ist ein Sieg und was ist eine Niederlage? Wer sich mit Sport im weiteren oder im speziellen Sinne beschäftigt, trifft automatisch auf eines von beiden – meist ist der Sieg schön und berauschend, die Niederlage schmerzt. Sport ist aber mehr (geworden) als ein Ringen um Tore, Punkte oder gute Bewertungen, vor allen Dingen hilft er denjenigen, die ihn ausüben. Ein Extrembeispiel hierfür gibt es jetzt aus der Karate-Abteilung des TSV Wandsetal. Sie ist mit ihren zwölf Mitgliedern (noch) nicht groß und auch mit dem  Titel kann sie nicht protzen. Und trotzdem geschieht dort etwas, was jeden glänzenden Pokal in den Schatten stellt.

 

Auf diese nämlich kann Karate-Kämpfer Roland Reichard mit Sicherheit verzichten. Der heute 66-Jährige hat dem Sport etwas jenseits der spektakulären Erfolge zu verdanken, nämlich den Sieg über sich selbst – so wie er einmal war oder sein musste. Es fällt ihm schwer, sich an die Zeit nach seinem schweren Verkehrsunfall vor 25 Jahren zu erinnern. Was heißt auch zu erinnern: Roland war mehr als drei Wochen bewusstlos, trug eine Querschnittslähmung davon. Ein Leben war das jedenfalls nicht mehr.

 

Er überlebte und es folgte eine lange Reha. Und was hat nun Karate im TSV Wandsetal damit zu tun? Sehr viel, den Roland Reichard ist seit 2011 Karate-Kämpfer „gegen sich selbst“, gewinnt auf diese Weise Kampf um Kampf: Seine Bewegungen werden immer kontrollierter, die Motorik stabilisiert sich und natürlich wird der Mann, der quasi wieder auferstanden ist, immer glücklicher. „Wenn jemand spürt, dass der Karate-Sport gut für die Seele ist, dann ich“, sagt Roland, der selbstverständlich auch wieder lächeln kann.

 

Seine Trainer Kalle Ladehoff (59) und Uwe Ferdyn (55) verfolgen nicht nur Reichards Weg mit Genugtuung. „Natürlich sind wir keine Trend- oder Funsportart und so spektakulär sieht das auch alles nicht aus, aber wir helfen den Menschen äußerst wirksam“, sagt Ladehoff, im Leben ohne den schwarzen Gurt selbstständiger Masseur. „Roland hat sich stabilisiert, die Pendelbewegungen haben nachgelassen. Aber niemand sollte unterschätzen mit wie viel Selbstdisziplin dieser Weg der Genesung verbunden ist“ sagt der in Rothenburgsort geborene Trainer, um gleich seinen Schützling anzufahren: „Man Roland, der andere Arm muß vor.“ Er habe Spaß mit so genannten Behinderten zu arbeiten und habe schon viele seiner Schäfchen durch Karate auf Vordermann gebracht. Das aber erfordere für jeden Beteiligten seinen Preis – ein Weg der sich allemal lohnt. Der Karate-Sport ist nämlich zumindest im TSV Wandsetal eine Art Aufforderung an Menschen, die sich nicht trauen, schämen und sich deshalb etwas verstecken, sie werden so aufgebaut.

 

Trotzdem oder gerade deswegen sollte niemand glauben, dass das Karate-Training unter Kalle Ladehoff  und Uwe Ferdyn in der Atmosphäre einer Heilanstalt stattfindet. In der kleinen Halle an der Hammer Straße herrscht zwischen den auf die Wand gemalten Handballtoren und den Basketballkörben zeitweise schon ein rauer Ton und angepackt wird sich ohnehin. In diesem Sinne:  Erst Füße kreisen, dann Knie kreisen und dann geht es auch schon zur Sache. Und alle sind sich sicher: Bald wird es immer mehr Sieger geben, die nicht nur gegen sich selbst gewinnen.

Autor: Klaus Karkmann